Natur- und Erlebnistherapie

Einmal die Woche in einem Büro mit einem Therapeuten zu reden, hilft Jugendlichen oft zu wenig. Das Analysieren von Problemen kann aufschlussreich sein, aber diese Erkenntnisse bedeuten nicht zwangsläufig, dass sich das problematische Verhalten entsprechend ändert.

Ein Ziel der Naturtherapie ist es, Jugendliche aus ihrer gewohnten Umgebung herauszunehmen, damit sie sich ihr Leben aus einer anderen Perspektive ansehen können. Ohne Telefon, ohne Handy, ohne MP3 Player, ohne Fernseher, ohne Internet, ohne Videospiele ist das Leben auf einmal ganz anders. Die ungewohnte Stille erlaubt es den Jugendlichen, sich mit sich selbst, ihren Gefühlen, ihren Gedanken, ihren Träumen, ihren Zielen und ihren Werten auseinander zu setzen.

Jugendliche, die zu Hause oft jeden Tag tun, was sie wollen, wenig Respekt haben und kaum Grenzen kennen, werden auf einmal mit der Macht der Natur konfrontiert. Die Natur lässt sich nicht manipulieren und gibt gerechte Konsequenzen – egal wer man ist - oder denkt zu sein. Wenn man sein Zelt schlecht aufstellt, dann wird der Wind es umstoßen – und man wird nass. Wer nicht weiterwandern will, kann noch so viel rumbrüllen, es wird erst Wasser da sein, wenn der entsprechende Ort erreicht ist. Wenn man seinen Rucksack schnell und ohne Sorgfalt packt, dann fühlt er sich schwerer an und der Rücken wird einem wehtun. Wenn man seine Socken nicht trocken hält, dann wird man Blasen bekommen.

Schweigen ist für viele Jugendliche schwer. Vor allem, wenn sie mit sich selbst nicht zufrieden sind. Auf sich selbst gestellt, lernen sie entweder ein guter Wegbegleiter zu sein oder sie verbringen viel Zeit in schlechter Gesellschaft. Wenn es nichts gibt, das von der Tatsache ablenkt, dass das eigene Verhalten eigentlich nicht die gewünschten Ergebnisse hat, dann sind Therapie und Veränderung auf einmal keine so schlechte Idee mehr.

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Körperliche Genesung spielt in der Naturtherapie eine wichtige Rolle. Die Jugendlichen erhalten jeden Tag gesundes (wenn auch nicht immer schmackhaftes) Essen. Sie haben einen geregelten Tagesablauf. Sie bekommen genug Schlaf. Die Jugendlichen bewegen sich jeden Tag. Einige nehmen ab, andere nehmen zu. Der Körper findet zu einem gesunden Gewicht zurück. Die Jugendlichen werden stärker, sie bilden Muskeln und entwickeln Ausdauer. Sie werden gesünder. Ihr Immunsystem erholt sich. Drogen werden aus dem Körper ausgeschieden. Das Gehirn kann sich ohne Drogen, Alkohol und Zigaretten erholen und weiterentwickeln – so wie es das während dieses Lebensabschnitts eigentlich tun sollte.

Die Jugendlichen werden therapeutisch intensiv betreut. Wenn sie schwierige Gedanken oder Gefühle haben, ist ein Betreuer oder Therapeut da, um ihnen zu helfen, damit umzugehen – und ihnen zu zeigen, wie sie das in Zukunft auch selber tun können. Die Betreuer haben kein Interesse daran, den Willen der Jugendlichen "zu brechen". Im Gegenteil, die Jugendlichen brauchen ihren eigenen Willen, um ihr Leben in den Griff zu bekommen. Ohne eigenen Willen können sie keine Entscheidungen für sich und ihr Leben treffen, keine Ziele haben und keine Selbstkontrolle ausüben. Die Betreuer übernehmen zeitweise die Kontrolle, wenn die Jugendlichen sich weigern, dies in produktiver Weise selbst zu tun. Das Ziel der Therapie ist es jedoch, dass die Jugendlichen ihr Verhalten und damit ihr Leben selbst kontrollieren.

Neben der Besinnung auf sich selbst, lernen die Jugendlichen auch, als Gruppe zusammenzuarbeiten. Sie sehen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Andere Jugendliche haben ähnliche Sorgen, Schwierigkeiten und Herausforderungen in ihrem Leben. Da wachsen Verständnis und Einfühlungsvermögen. Als Gruppenmitglied ist es nicht wichtig, andere zu beeindrucken. Es kommt vielmehr darauf an, "echt" zu sein und seine wahren Gedanken und Gefühle zu zeigen. Je mehr die Jugendlichen zusammen erleben, desto einfacher wird es für sie, verständnisvoller miteinander umzugehen, einander zu vertrauen, andere zu respektieren, sich gegenseitig zu unterstützen, voneinander zu lernen und sich gegenseitig herauszufordern. Durch den Einfluss der Natur und die Erlebnisse miteinander lernen, wachsen, heilen und ändern sich die Jugendlichen.